portrait Richard Jurtitsch

Zu Gast bei …

Ich bin ein Suchender, so Richard Jurtitsch und beschreibt das für seine Malerei charakteristische Experimentieren mit den formalen Möglichkeiten, wie auch das Beobachten und reflektieren von Themen. Dieses unterzieht er einer stetig weiterentwickelnden bildnerischen Interpretation. Die Themen seiner Malerei halten dabei an dem grundsätzlichen Interesse fest, Fragmente der Wirklichkeit aufzunehmen.

Diese Versatzstücke des Abbildhaften setzt er in den Bildern der frühen 1990er Jahre als graphische Elemente vor einen malerischen Hintergrund. Die Motive stammen aus dem Formenrepertoire der europäischen Kulturgeschichte, archäologische Symbole, wie die Kreisform des Uroboros oder Repräsentationszierrat aus der abendländischer Kultur. Mit der Übernahme von Vasenformen, Kandelaber– und Stuckornamentik spielt Richard Jurtitsch in subversiver Weise, mit der Frage nach Funktion von Dekor und Zierart. Er löst die Ornamente und Dekorgegenstände aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und erweitert sie durch sein eigenes Formenvokabular. Verfremdet und ihres ehemaligen Kontextes enthoben, übersetzt er das historische Formengut in die Malerei. Das Ornament wird autonom und zum Gegenstand der Untersuchung. Sein Interesse an einer überzeitlichen Auseinandersetzung mit Dingen der mittelbaren und unmittelbaren Vergangenheit, bis hin zu seinem Steckenpferd der Archäologie, prägt seine aktuellsten Arbeiten. Durch eine gewisse atmosphärische Tiefenwirkung der übereinanderliegenden Farbschichten, erreicht der Künstler eine rein formale räumliche Ebene auf der Leinwand, durch das Zitieren von Versatzstücken der Kulturgeschichte, darüber hinaus auch assoziative, zeitliche Räume für den Betrachter. Er selbst bezeichnet das Interesse an den handwerklichen Dingen der Vergangenheit, als eine Möglichkeit, diese in die Gegenwart zu retten. So sammelt und restauriert er behutsam alte Möbel oder auch Gebrauchsgegenstände aus der Zeit der Wiener Werkstätte oder den 50er Jahren. Er schätzt das dekorative Element der Möbel, formschönes Design, wie gute handwerkliche Arbeit. Interieurs barocker Palais und bürgerlicher Wohnungen des späten 19. Jahrhunderts und frühen 20. Jahrhunderts, welche Repräsentationsflächen für ihre Besitzer waren und die avantgardistische Haltung des gehobenen Bürgertums in der Zeit der Wiener Werkstätten veranschaulichten, werden in der Folge zum Schwerpunkt in den Bildräumen des Malers. Sie lösen den Werkzyklus der 1990er Jahre ab, wenngleich inhaltlich eine gewisse Kontinuität besteht.

Die Räume und ihre Inneneinrichtungen vermitteln neben der Veranschaulichung eines zeithistorischen Interieurstils, auch die Aura einer Geschichte und bilden ein Schaufenster in eine Zeit, als diese Räume belebt waren, die Kommoden benutzt wurden und auf den Sesseln und Tischen kommuniziert und diskutiert wurde. So tritt in den Bildern, anstelle grafisch – linear skizzierten ornamentaler Versatzstücke, die Darstellung gesamter Innenräume und Interieurs, die den Betrachter gleichsam zu einer Zeitreise einladen. Auch wenn diese Bilder ihren Ausgangspunkt in realen Vorlagen haben, so geht es dem Künstler nicht um eine dokumentarische Wiedergabe jener, durch historische Fotoaufnahmen überlieferten, Innenräume. Diese dienen letztlich nur als Ausgangspunkt, als Stimulus für die Malerei, die vielmehr ihren Focus auf die, durch die Räume vermittelte, Atmosphäre legt. Darüber hinaus ist die Fotografie auch Anlass formale Möglichkeiten der Malerei auszuloten, wie die Spiegelung im Raum, die Frage nach Linienduktus und rein malerischen Farbauftrag und nicht zuletzt, das Arbeiten mit einer bewusst reduzierten Farbpalette.

Das Zurückgreifen auf fotografische Vorlagen verbindet den 1953 in Wien geborenen Künstler mit der Malerei der jungen zeitgenössischen Generation. Diese hat unbelastet von historischen Vorgaben, die Malerei als zeitgemäßes und brauchbares Ausdrucksmittel ihrer Inhalte wieder verstärkt für sich entdeckt. Befreit von der ideologischen Prämisse von Abstraktion und Figuration, übernehmen sie tradierte Formen und unterziehen sie einer zeitgenössischen Transformation. In dieser vor allem stark figurativen Malerei werden Video, Film und Fotografie, wie auch Bilder aus Magazinen zum Ausgangspunkt malerischer Überlegungen. Das Werk von Richard Jurtitsch steht dadurch im Spannungsfeld der Kontinuität, einer aus den 1980er kommenden malerischen Tradition (seiner Generation) und einer Präsenz des Tafelbildes innerhalb der zeitgenössischen Malerei. Doch verwendet Richard Jurtitsch vorwiegend Bildmaterial aus einer vergangenen Zeitzeugenschaft. Seine fotografischen Vorlagen entstammen nicht der unmittelbaren Gegenwart, sondern jener Zeit, in der Leben und Alltag in diesen Räumen herrschte. Zuweilen dienen ihm auch Fotodokumentationen und Inventarlisten von Wohnungen, die während des Krieges zur Identifizierung des Eigentums angefertigt wurden, als Vorlage. Ebenso wie Mappenwerke aus dem bekannten Anton Schroll & Co Verlag, in dem Innenräume von österreichischen Schlössern und Palästen fotografisch dokumentiert wurden. Gerade diese Prunkräume reizten den Künstler, vor allem die Wiedergabe der handwerklich aufwendig gefertigten Holzvertäfelungen und das üppige kunsttischlerische Handwerk. Hauptsächlich beschäftigt Richard Jurtitsch die Aura des damaligen Zeitgeschehens und die Frage danach, was sich hier abgespielt haben könnte, wer in diesen Räumen zu Gast war? So entstehen fiktive und reale Szenerien. Durch die Interpretation der Fotos holt Richard Jurtitsch diese zum Teil privaten Räume in die Gegenwart und präsentiert sie einem öffentlichen Blick.

Die Themen seiner Malerei halten dabei an dem grundsätzlichen Interesse fest, Fragmente der Wirklichkeit aufzunehmen. Der englische Soziologe Zygmunt Bauman beschrieb unser Lebensgefühl mit dem Terminus „liquid modernity“ (flüchtige Moderne) und meinte damit das Flüchtige, Ephemere, das folgenlos und rasante Vorübergehen von Ereignissen bzw. dem Alltäglichen. Gerade hier setzt Richard Jurtitisch an, in dem er uns in seinen Bildern die Möglichkeit gibt, eine Zeit zu überspringen und darüber nachzudenken, ob nicht doch auch unsere Identität durch ein Davor und ein Danach geprägt ist. Was bleibt von all unseren Denkprozessen, von unseren Bildern, von unserer Literatur oder auch von unseren wissenschaftlichen Arbeiten? Wieviel Anteil hat der Einzelne daran?

In seiner neuen Werkserie schließt Richard Jurtitsch sowohl formal, als auch inhaltlich, an seine Interieurbilder an. War man zu Gast in musealen Räumen, so holt er diese nun aus der Anonymität und verbindet sie mit realen Personen aus der Vergangenheit. So zeigt ein Bild einen Einblick in die Räume der Sängerin Selma Kurz, die zunächst protegiert von den Fürsten Esterházy in Wien Gesang studierte und nach Engagements in Hamburg und Frankfurt von Gustav Mahler 1899 an die Wiener Hofoper geholt wurde. Die Serie der Berliner Interieurs porträtiert Wohnungen in Berlin lebender Künstler, vorwiegend Literaten und Kunstsammler. Nach einem Filmstill entsteht das auch formal interessante Bild des Foyers und Stiegenhauses im Haus des amerikanischen Fotografen Alfred Stieglitz.

Ein weiteres Bild zitiert die Formensprache des amerikanischen Fotografen Irving Penn, der in Amerika der Nachkriegszeit als Mode- und Portraitfotograf berühmt wurde. Seit den 1940er Jahren fotografierte dieser für die Vogue, und wurde vor allem durch seine Portraits u. a. von Pablo Picasso, Miles Davis, Georgia O’Keefe, Marcel Duchamp u. a. international bekannt. Verheiratet war Irving Penn mit dem Mannequin Lisa Fonssagrives. Diese stand ihrem Mann auch oft Modell und war bekannt für ihre markante laszive Pose, die Richard Jurtitsch auch in seinem Bild übernimmt.

Richard Jurtitsch’ Bilder sind Portraits von Räumen und Personen. Sie liefern uns keine Information über das Aussehen der Menschen die in diesen Räumen gelebt haben, sondern viel mehr wie sie gelebt haben. Wir erfahren etwas über die Dinge, mit denen sie sich umgaben. Der Atem des Künstlers, den Piero Manzoni in einem Luftballon konservierte, übersetzt Richard Jurtitsch im Sinne einer Aura und Atmosphäre, die sich in diesen Räumen durch das Wirken ihrer Bewohner in den Bildern wiederspiegelt. . Werkserien, wie „Zu Gast bei Karl Kraus“ zeigen, dass es für Richard Jurtitsch wesentlich ist, mehrere Informationsebenen zu verschränken. Neben der fotografischen Vorlage des Arbeitszimmers, übernimmt er Zitate aus Essays und Schriften sowie aus der von Karl Krauss herausgegebenen Zeitschrift „Die Fackel“, oder eines der Titelblätter und schafft solcherart eine neue Szenerie und einen fiktiven Einblick in das Leben von Karl Kraus. Es geht ihm nicht um die Darstellung einer realen Biographie des jeweiligen Menschen, vielmehr sind diese Platzhalter für einen historischen Zeitabschnitt, einer Epoche.

Doch neben all diesen Aspekten, stehen seine Bilder auch im Spannungsfeld zwischen Selbstbehauptung der Malerei, als eine für sich stehende abstrakte Realität, und den vielfältigen Bezugsmöglichkeiten für den Betrachter. Die Reduktion der Palette erscheint auf den ersten Blick radikal, erfolgt jedoch innerhalb seines Werkes in einer stetigen Entwicklung. Es ist ein formaler Anspruch an sich selbst, mit einer einzigen Farbe und ihren Nuancen einen tiefenräumlichen Eindruck darzustellen. Der lineare Duktus wird stetig reduziert und letztlich zur Gänze durch die Technik der Weißhöhung ersetzt. Die Gegenstände erhalten ihre äußere Form durch das Zueinandersetzen von Farbflächen und dem Kontrast von Hell und Dunkel. Zugleich erreicht der Künstler durch die Beschränkung auf eine Farbe eine Beruhigung innerhalb der, durch viele Ebenen und Details, zusammengesetzten Malerei. Zudem erschließt sich aus den vielen Übermalungen lasierender Farbschichten ein breites Farbspektrum von Rot über Rot – Grün bis hin zu Orange. In anderen Arbeiten variiert Richard Jurtitsch und malt Räume in den verschiedenen Nuancen der Farbe Blau.

So sind die Bilder formal in mehrfacher Hinsicht interessant, sie zeigen, wie der Künstler sich innerhalb einer Werkserie, mit den der Malerei immanenten Fragestellungen und den damit verbundenen Möglichkeiten einer räumlichen Darstellung, befasst. Richard Jurtitsch arbeitet dabei vor allem mit Überblendungen und Spiegelungen mehrerer Raumebenen. So gibt es in seinen Bildern, neben der Auseinandersetzung mit dem Motiv, stets noch eine weitere, selbstreflexive Ebene, jene der Malerei selbst, die von der figurativen Darstellung zu ganz abstrakten Dingen wie Farbe, Licht und Raum führt. Der vom Künstler stets bewusst gewählte Ausschnitt einer räumlichen Situation, lässt seine Interieurs lebendig wirken, als wäre gerade der Bewohner für einen kurzen Augenblick aus dem Zimmer gegangen . Details, wie eine Vase, ein Tischtuch, eine offene Tür, ermöglichen den Betrachter für einen kurzen Augenblick in eine andere Zeit einzutauchen.

„In meiner Arbeit artikuliere ich, dass Spiegelungen und Überblendungen von abstrakter und sozialer Realität und Illusion scheinbar ineinander aufgehen“, schrieb der Künstler zu seiner Malerei. Die Figuren und Interieurs von Richard Jurtitsch verharren wie Reste aus einem anderen Bezugssystem, setzen den schnell ablaufenden, medialen Bildern eine Atmosphäre der Dauerhaftigkeit entgegen. Sie bilden eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

„Ich schildere nicht das Beharrende ich schildere den Übergang“

« Je ne peints pas l’estre, je peints le passage »

Michel de Montaigne

Silvie Aigner