portrait Richard Jurtitsch

Vom Sinn der Titel

Eigentlich benennt ein moderner Künstler seine Werke nicht mehr. Er schreibt O.T.; eine Œuvre Nummer, ein Datum, bestenfalls noch die Technik. Das ist es dann auch schon. Es gibt auch solche, die die Literatur bemühen, um ihren Bildern das geschriebene Wort hinzuzufügen, als Ergänzung und Erweiterung. Doppelbegabungen sind nicht selten in Österreichs Kunstgeschichte. Und es gibt jene Künstler, denen ein Titel wie ein Punkt ist, ohne den das Gesamtwerk nicht vollendet ist. Richard Jurtitsch gibt seinen Bildern kurze, aber sehr poetische und meistens auch ganz bildbezogene Titel. „Die verborgenen Fakten“ etwa oder „Wo das Blau herkommt“, „Über und unter den Feldern“, „Unendliche Wiederkehrungen“. Auch wenn sie kurz sind und prägnant, es sind Titel, die zum Bild gehören ohne wenn und aber, die tatsächlich so etwas wie eine Erklärung sein können, ein Anspruch an den Betrachter sich auf die Suche zu machen, sich zu vertiefen in die Zeichen und Wege, die einem der Maler weist.

Jurtitschs Bilder sind vielschichtig. Nicht nur vom Farbauftrag her, sondern von der Thematik. Seine Zeichen sind uralt, sie kommen aus Kulturen, die längst versunken sind,die nur noch in den Resten überleben, die wir ihnen aus der Geschichte lassen. Es sind Runen und Kultgegenstände, Tierumrisse, wie aus den Höhlen von Altamira und Lascaux, es sind Architekturen und Gestalten der Phantasie, es ist eine Welt der Erinnerung an vergangene Welten, die in seinen Bildern wieder lebendig wird. Geheimnisvoll und voller Poesie, voll Lust am Geschichtenerzählen und voller Rätsel, die es zu lösen gilt, oder die man fasziniert und dankbar für ein Erlebnis aus einer anderen Welt einfach stehen lässt als einen schönen Traum voll Kindheit und Unschuld.

Richard Jurtitsch baut seine Bilder sehr konzentriert auf. „Spielschichten“ nennt Harald Krämer die unteren Schichten, auf denen er dann seine Fundstücke, seine Ornamente und Metaphern setzt. Es ist ein ernstes, aber dennoch heiteres „Spiel“, das der Maler spielt, eines, das uns einbindet in den Kreislauf des Lebens, das uns aber auch die Kraft und die Klarheit der Gedanken erfahren lässt. Neben all den verschiedenen Gegenständen aus der Geschichte und der Phantasie ist es vor allem der Kreis, der in den Arbeiten von Richard Jurtitsch von wesentlicher und immer wiederkehrender Bedeutung ist. Er setzt ihn auf die Bildfläche, erinnert damit an den Kreislauf des Lebens, aber auch im Sonnenrad etwa, daran, dass wir eingebunden sind in das ewige und sich bedingende Leben und Sterben. Der Kreis als Form, aber auch als Inhalt, und wenn er den Drachen sich zum Kreis schließen oder den Hund sich drehen und winden lässt, um sich selbst in den Schwanz zu beißen, es ist neben allem Humor und aller Heiterkeit doch ein Ernster und tief empfundener Unterton, ein Wissen um das Unbenennbare des Lebens, das auch in der Kunst nur angedeutet, nie aber in aller Tiefe erfasst werden kann.

Zu diesen Gedanken passt auch die starke Reduzierung der Arbeiten und die spürbare Sehnsucht nach Harmonie und Schönheit. Und bei aller Abstraktion ist es gegenständliche Malerei in ihrer reinsten und dichtesten Form. Wenn auch die Bilder flächig sind und die Zeichen und Symbole über das ganze Bild verstreut, so erfährt man doch eine ganz eigentümliche Art von Raumgefühl, als würde man zwar nicht in die perspektivische Tiefe, sehr wohl aber in die Tiefe der Geschichte gezogen, die der Maler erzählt. Der Betrachter kann wählen zwischen dem Angebot des Künstlers und seiner eigenen Assoziation und Phantasie. Es ist eine Bilderwelt voll mit Anspielungen und Symbolen aus allen möglichen Traditionen und Zeiten, aus Mythen und Märchen, aus Welten der Lust und der Angst. Aber zutiefst ist es die Suche nach den eigenen Wurzeln und dem eigenen Standort im Kreislauf des Lebens, und so verbindet Jurtitsch die Vergangenheit mit der Gegenwart und stellt die Frage „Wohin geht der Weg?“Auf diesem Weg aber befindet er sich bereits und wir Betrachter mit ihm. Wir folgen seinen schlichten beinahe naiven, aber doch sehr überlegten Zeichen und vertrauen darauf, das die Wege, die er uns weist, voll künstlerischem Gewinn und menschlicher Erkenntnis sind. Die Titel der Bilder mögen die Wegweiser sein, die oft erst den Sinn erschließen und der Schlüssel zum Ziel sind.

Angelika Bäumer