portrait Richard Jurtitsch

Über die Malerei

Gespräch zwischen Stefanie Dathe und Richard Jurtitsch

SD. Herr Jurtitsch, Sie sind Maler und Grafiker, Sie haben sich in Ihrer künstlerischen Ausbildung die unterschiedlichsten bildnerischen Reproduktionstechniken angeeignet. Sie beherrschen sämtliche Flachdrucktechniken und doch bevorzugen Sie weitestgehend eine Malerei mit Öl und Tempera auf Papier und Leinwand. Was bedeutet Malerei für Sie?

RJ. Malerei ist gleich nach der Zeichnung für mich das ureigenste und direkteste Ausdrucksmittel, verschont von den verschiedensten Vorbereitungsarbeiten, wie bei der Lithografie das Steinepräparieren, Abdecken und Ätzen der Platten bei der Radierung, Herstellen von Filmen, Sensibilisieren der Siebe beim Siebdruck usw. Sie ist authentisch und auch Ausdruck einer momentanen Befindlichkeit, also liebe ich sie.

SD: Welchen Stellenwert erlangt das einzelne Bild im fortschreitenden Schaffensprozess?

RJ. Durch die permanente Beschäftigung mit der Malerei, ergeben sich ständig auch neue Wege und Möglichkeiten der Bildfindungen und des Ausdrucks. Wie weit man diese neuen Wege sofort nachgeht, es zulässt, hängt von einem selbst ab. Da ich es sehr oft zulasse, hat das einzelne Bild schon einen großen Stellenwert im fortschreitenden Schaffensprozess. Ich kann sehen, wann und wo sich wieder etwas verändert, weiterentwickelt hat. Bilder sind wie Meilensteine auf einem langen Weg.

SD. Was fasziniert Sie an der Kombinatorik von malerischen und grafischen Bildelementen?

RJ. Grafische Bildelemente in der Malerei sind für mich wie das Salz in der Suppe oder wie Sprache in einem tönenden Wald. Nur mit Farbflächen bekomme ich Töne zum Schwingen, aber mit den grafischen Elementen sprechen sie zu mir. Das ist wahrscheinlich nur eine subjektive Wahrnehmung von mir, aber ich empfinde es so.

SD. Die grafischen Elemente in Ihren Bildern entstammen oft dem großen Reich der Abbildhaftigkeit. Man findet vegetabile Motive aus Flora und Fauna, ebenso wie dekorative Versatzstücke der (historischen) Baukunst und ausschnitthafte Ansichten von Mobiliar und Innenräumen. Welche formalen und inhaltlichen Ziele verfolgen Sie mit der Verbindung von assoziativ-abbildhaften und abstrakt-ungegenständlichen Bildelementen?

RJ. Ich bin ein ewig Suchender, experimentiere mit allen möglichen Strukturen und Farbräumen und versuche ständig das Feld der Assoziationsmöglichkeiten für mich zu erweitern. Mich interessiert an den Motiven aus Flora und Fauna in erster Linie deren Stellenwert als Vorbild in der Kulturgeschichte, in vielfacher Weise herangezogen und verwendet, in der Architektur, Gestaltung von Mobiliar und Alltagsgegenständen und auch als Vorbild von technischen Funktionen und Abläufen. In zweiter Linie interessiert mich deren Bedeutung in formaler Hinsicht. Das domestizierte Abbild von Motiven aus Flora und Fauna, wie z. B. Versatzstücke der historischen Baukunst, die in den Bildern austauschbar sind, weil sie nur als assoziative Platzhalter für verschiedene Epochen fungieren, und Fluchtlinien von Bezugsmöglichkeiten, von der Vergangenheit bis in die Gegenwart, bilden.

SD. Die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Leben zieht sich wie ein roter Faden durch die Kunst des 20. Jahrhunderts. Die Tendenz der sechziger und siebziger Jahre ging dahin, Autonomie und Selbstreferentialität der Kunst zu betonen. Seit den neunziger Jahren schlägt das Pendel wieder in die andere Richtung aus. Die Reflexion der Rolle des Künstlers innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges sowie die kritische Kommentierung dieser Gesellschaft und ihrer Rollenverteilungen werden heute wieder verstärkt zu zentralen Themen. Ihre Bildkunst, Herr Jurtitsch, bezeugt mit ihrer inhaltlichen Ausrichtung auf Kultur und Natur, der Verschleifung unterschiedlicher Ikonographien, den abstrahierten und ornamentalen Code von einem Bewusstseinswandel, der die Aufgabe des Bildes zwischen vergangenen und gegenwärtigen Medien, Stilen und Zeichensystemen neu zu bestimmen sucht. Dennoch bleibt Ihre Malerei auf sich selbst bezogen, bleibt sie autonome Kunst. Inwieweit lässt sie sich als eine „Strategie“ im Umgang mit den Fragmenten der Wirklichkeit beschreiben? Fließen in Ihre Malerei auch zeitkritische Inhalte und Gedanken mit ein oder liegt ihr künstlerisches Anliegen in einer überzeitlichen Auseinandersetzung mit ästhetischen Formen und bildnerischen Interpretation?

RJ. Ich sehe das nicht als eine Strategie, den Interessierten immer wieder auf das Neue mit meinen Darstellungs- und Sehweisen zu konfrontieren. Ich arbeite mit ständig sich erweiterndem Arbeits- und Bildvokabular und ziehe immer weitere Kreise, und damit erweitern sich auch die Möglichkeiten der bildnerischen Interpretation. Das hat viel mit Beobachten, Ausprobieren, Experimentieren zu tun. Ich reflektiere gerne Themen und Dinge, die mich inhaltlich oder formal interessieren. Das fließt oft automatisch in die Arbeit mit ein und passiert von selbst. Aber im Prinzip ist meine Arbeit schon von einer, wie sie es nennen „überzeitlichen Auseinandersetzung“ geprägt.

SD. Wie sehen Sie Ihre Rolle als Künstler zu Beginn des 21. Jahrhunderts?

RJ. Die Rolle eines Künstlers zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat wie alles zwei Seiten. Zum einen waren die Informationen und Kulturangebote niemals größer als jetzt, zum anderen war es nie inflationärer als jetzt. Durch die Ostöffnung erreicht uns eine Flut von Kunst und Kulturangeboten. In einer Zeit wie dieser, wo sich Umweltprobleme und weltpolitische Ereignisse eklatant am Horizont spiegeln, wo sich unsere Gesellschaft immer mehr in arm und reich aufspaltet, der tägliche Kampf ums Überleben, der Kampf um einen Arbeitsplatz über Hand nimmt, wen interessiert da schon Kunst – höchstens Unterhaltungskunst. Und die Menschen, die sich noch für Kunst interessieren und noch Kunst kaufen, obwohl sie schon viel Geld an den Börsen verloren haben, sehen sich einem Überangebot an Künstlern gegenüber. Der Konkurrenzkampf wird noch größer. Also in dieser Hinsicht beneide ich mich nicht.

SD. Zweifeln Sie daran, dass der bildenden Kunst in der heutigen Zeit, da es immer schwieriger wird, den Konsumenten, sei er Betrachter oder Käufer, zu erreichen, ein größerer, Erkenntnis erweiternder Sinn innewohnt? RJ. Nein, ich zweifle nicht daran, dass der bildenden Kunst in der heutigen Zeit ein größerer, Erkenntnis erweiternder Sinn innewohnt. Es gibt sehr viele, wirklich brillante, ernstzunehmende Künstler, international. Aber ich glaube, es wird durch das Überangebot an Kunst immer schwieriger, Betrachter oder Käufer dazu zu bewegen, sich mit anspruchsvoller Kunst auseinander zu setzen, denn dass bedeutet harte Arbeit und ist sehr unbequem. Das funktioniert fast nur bei persönlichen Kontakten.

SD. Welche Mittel erscheinen Ihnen heute adäquat, ein breites Publikum anzusprechen und für die Kunst zu sensibilisieren?

RJ. Ein breites Publikum ansprechen und gleichzeitig für die Kunst sensibilisieren, das wäre ideal, aber meiner Erfahrung nach sind das leider zwei entgegengesetzte Dinge. Ein breites Publikum ansprechen, das würde vielleicht bedeuten, laut, leicht und schnell. Aber Kunst heißt, wie es Sir Popper einmal formuliert hat:” Man muss warten, bis man von ihr (der Kunst) angesprochen wird”. Das braucht Zeit.

SD. Gibt es Aspekte in Ihrer Arbeit, die Sie als beneidenswert erachten und die Sie nicht gegen eine andere berufliche Tätigkeit eintauschen möchten?

RJ. Es stimmt schon, wie ich vorhin sagte, ich beneide mich in mancher Hinsicht nicht, aber andererseits hat auch dieser Beruf gute und äußerst schöne Seiten. Es gibt da sehr viele Aspekte, die ich als beneidenswert erachte, z. B. kann ich malen, meine Vorstellungen und Hirngespinste umsetzen und wahr werden lassen und kann sogar davon leben. Auch wenn ich mich, nicht der Kunst wegen, sondern deren Begleiterscheinungen wegen, manchmal maßlos ärgere, kann ich mir nicht vorstellen, etwas anderes zu tun.

SD. Herr Jurtitsch, Sie sind im Kunstmarkt verankert, arbeiten mit Galerien auch über die Landesgrenzen hinweg zusammen. Wie wichtig erachten Sie solche Großveranstaltungen wie die Biennale in Venedig oder die Documenta im Hinblick auf eine richtungsweisende Geschmacksbildung und Tendenzierung der Gegenwartskunst?

RJ. Biennalen oder die Documenta sind sicher wichtige Foren für junge Kunst und eine gute Referenz, um auf dem Kunstmarkt unterzukommen, aber auch für sogenannte erprobte Künstler, sich auf die nächsthöhere Etage empor zu hieven, um den eigenen Marktwert zu erhöhen. Man sollte meinen, dass es auf der Documenta frei von allen kommerziellen Hintergedanken hergeht, aber das ist sehr unterschiedlich und hängt sehr vom Kurator / der Kuratorin ab, in welche Richtung er / sie sich profilieren will. In manchen Kreisen von jungen Künstlern und Galeristen wirken sich Biennalen oder die Documenta sicher richtungsweisend, geschmacksbildend oder tendenzierend aus. Es gibt ja erschreckend viele Trittbrettfahrer in der Szene.
Die Branche braucht solche Großveranstaltungen, um die Kunst öffentlich und werbewirksam hochzuhalten und deren Wert in der Gesellschaft immer wieder auf das Neue zu fundamentieren.

SD. Zum Abschluss unseres Gespräches möchte ich Sie, Herr Jurtitsch, fragen, welche Fern- oder Nahziele Sie in ihrer künstlerischen Arbeit verfolgen.

RJ. Nah sowohl auch Fernziel ist es, für gute malerische Qualität zu stehen, und
meinen künstlerischen Qualitätskriterien noch näher zu kommen, die natürlich sehr
individuell sind und sich auch ständig verändern. Wobei sich aber über Qualität doch letztendlich nicht streiten lässt.
Ich mache es mir nicht leicht, und ich denke, es ist der richtige Weg, meinen Ziel näher zu kommen. Ich wünsche mir, dass es mehr Menschen gäbe, die sich mit Kunst intensiver und genauer beschäftigen, als mit der gewohnten Oberflächlichkeit von eye-catcher und Displaykunst.

SD. Gibt es Künstlerkollegen, mit denen Sie gerne einmal ein gemeinsames Projekt realisieren würden?
RJ. Eigentlich nicht. Ich beschäftige mich nicht mit solchen Gedanken. Aber mit Ross Bleckner wäre eine gemeinsame Ausstellung recht interessant. Wir waren einige Zeit entwicklungsmäßig, subjektiv gesehen, doch recht nahe beisammen. Dies zu beobachten war für mich schon sehr interessant.

SD. Haben Sie Träume oder Visionen, Vorstellungen, an welchen Orten oder in welchem Kontext Sie einmal ausstellen möchten?

RJ. Nein, nicht konkret. Natürlich versuche ich an guten Orten auszustellen, wo ich auch mit einem zahlreichen und interessierten Publikum rechnen kann. Ich könnte mir vorstellen, in einem kunsthistorischen, völkerkundlichen, aber vor allem in einem archäologischen Kontext etwas zu machen. Ich lasse mich überraschen.