portrait Richard Jurtitsch

Richard Jurtitsch – Zwischenräume

Das Motiv des Fensters zählt zu den klassischen Topoi früher Bildkonzeptionen. Die rahmende Funktion des Fensters schafft dabei einen Ausschnitt, der nicht als willkürliches Fragment erscheint, sondern den Blick hinaus mit der Sicht auf das vertraute Innen verbindet. Das Fenster produziert in diesem Sinne überhaupt erst den Gegensatz von Interieur und Exterieur. Durch das Außen, das durch das Fenster sichtbar ist, konstituiert sich der Innenraum, umgekehrt wird das Außen als etwas von dem Interieur Unterschiedenes wahrnehmbar. Man kann sich von der Umgebung abgrenzen und Einblicke durch Vorhänge verhindern. Je offener der Ausblick, desto größer ist auch der Möglichkeit von außen hineinzublicken. So gesehen tritt auch die Thematik einer Sichtbarmachung des Privaten stets als Sujet ins Bild. Richard Jurtitsch greift in einer Reihe von Arbeiten, die seit 2010 entsteht das Motiv des Fensters in dieser kunsthistorischen Tradition des finestra aperta auf. Die Arbeiten entstehen fast immer in Bezug auf konkrete Orte, deren visuelles Potenzial sie transformieren, indem sie reale Wahrnehmungen in die Malerei übersetzen. Der Vorhang gibt dem Bild einen Rahmen und gibt einen bestimmten Blickwinkel vor. Er deutet die Möglichkeit des Blicks nach außen an, macht diese jedoch wieder zunichte. Manche Fenster werden fast vollständig vom Vorhang verdeckt, bei manchen erscheint der Ausblick auf die Landschaft als dünner Streifen am oberen Bildrand (Aussee I, 2011). So weckt das Fenster das Versprechen auf einen Ausblick ohne ihn jedoch zu erfüllen. Das Fenster – an sich ein klassisches Sehnsuchtsmotiv – verweigert wie von einem undurchsichtigen Vorhang verdeckt den Blickkontakt mit der Außenwelt und wirft den Betrachter auf sich selbst und seine Imagination zurück.

Man sieht die Stadt oder den Ort aus einer Perspektive, die vertraut scheint und sich doch mit jeder subtilen Veränderung durch den gewählten Ausschnitt im Bild als vollkommen anders erweist. Unterschiedliche Helligkeiten durch teilweise von Jalousien oder Vorhänge abgedunkelte Fenster spielen dabei ebenso eine Rolle wie der zuweilen offene, oder aber vom gegenüber liegenden Gebäuden verstellte Blick auf die Umgebung. Dass es einen Raum hinter dem Bild gibt, wird einem spätestens dann bewusst, wenn die geschlossene Illusion durch die geschickte Bildkonzeption des Malers durch Spiegelungen oder Schattenrisse durchbrochen wird. Richard Jurtitsch spielt in diesen Arbeiten, die ab 2010 entstehen, erneut mit den Facetten des Bühnenhaften und Theatralischen und dem Verhältnis von Betrachter und Raum an der Schnittstelle von Realität und Illusion. Der Vorhang hat die Funktion, einen Übergang zu markieren, er verschleiert zuweilen die Landschaft die im Fensterausblick zu sehen ist. Im Spiel mit Licht und Unschärfe lassen sie das Außen sanft verschwimmen. Ein Kunstgriff des Malers um die tatsächlich gesehene Realität, die das Vorbild der Vorhangbilder liefert, der eventuellen Banalität der Wirklichkeit und vor allem auch einer Zeitlichkeit zu entrücken. Durch das Verschleiern wird die Landschaft diffus. Sie wird zum Display einer Imagination und einer Wunsch-vorstellung des Idyllischen in der keine zeitlichen oder räumlichen Schranken existieren. Motive wie die Blumentöpfe und Vasen am Fenster mit einem Ausblick auf die Hausfassade gegenüber (Neustift, 2011), lassen die Interieurs der Räume erahnen. Sie zeigen einerseits die Enge des Ausblicks wie sie anderseits auf die Präsenz jener Personen verweisen, die in diesen Räumen leben. Obwohl nicht sichtbar, wird ihre Dasein bewusst – und ein narrativer wenngleich auch fiktiver Erzählstrang in Gang gesetzt. In den Bildern entwickelt sich ein narrativen Raum, in der nicht das Figurative sondern durch das Modulieren von Licht und Schatten, eine Atmosphäre entsteht, welche die Stimmung bestimmt. In einer Reihe von Bildtafeln wird die zuweilen nahezu fotorealistische Bildschärfe (Glocknerhof, 2011) aufgehoben. Mit großer Könnerschaft für die Darstellung des Stofflichen setzt Richard Jurtitsch Pflanzen, Schattenwürfe und die Reflexion des Sonnenlichtes am Faltenwurf der transparenten Vorhänge ins Bild. Wenn die Dinge nur als Schatten erkennbar sind und Teile von Blumen durch die Vorhänge verdeckt sind, schiebt sich eine Form von Unschärfe ins Bild, die weiter reicht als das aktuell Sichtbare. (Aussee II, III, 2011) Bilder, in der die Bewegung des sich im Wind wiegenden Vorhanges spürbar ist und die obwohl aus der Beobachtung generiert, wie eine inszenierte Sequenz erscheinen. Der Maßstab verändert sich, und die Frage, was echt ist und was nicht, bleibt einen Moment lang in der Schwebe. Doch ist es gerade die scheinbare Inszenierung die den Blick auf die Wirklichkeit schärft, weil sie den einfachen Zugriff auf das Bekannte verweigert. Die Menschen spielen in diesen Bildern, die sich vom Spiel mit klaren Schlagschatten bis hin zu engeren Ausschnitten, in denen Vorhang und Pflanzen sich in der Abstraktion verlieren, stets nur als Abwesende eine Rolle.

Der Blick des Malers, der sich auf das Alltägliche richtet oder auf das an diversen Aufenthaltsorten Gesehene, ist jedoch – auch bei aller Genauigkeit der bildlichen Umsetzung – nie ein dokumentarischer, sondern immer durchsetzt von dem Wissen um die vielen anderen Möglichkeiten einer Wirklichkeitsaneignung und letztlich dadurch auch eine Interpretation.

Zugleich mit der Beschäftigung mit dem Motiv der Vorhänge oder Jalousien ist eine Reduktion der Farbigkeit in den Bildern zu beobachten, die sich in den sogenannten „Brückenbildern“ fortsetzt. In diesen Werkserien spürt Richard Jurtitsch antiken Resten von aus Stein gebauten Brücken im Wiener Raum nach. Dabei gilt sein Interesse nicht dem Dokumentarischen, sondern der Brücke als Symbol des Verbindenden. Allein durch die Wahl des Motivs – der Ruinen einst römischer Baukunst – wird jedoch auch eine Zeitlichkeit im Bild deutlich. Durch das Überwuchern der Natur wird das zumeist mittig angesetzte Sujet zum romantischen Motiv, das nicht zufällig – wenngleich nicht formal – an die Stimmung der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts erinnert. Ebenso inszeniert ist auch eine gewisse Dramatik der Bildkonzeption durch das Spiel mit Licht und Schatten. Wenngleich der Künstler die Versatzstücke der historischen Baukunst auch als Platzhalter verwendet um formale Parameter des Bildes, wie Raum, Perspektive und Licht in der Bildtafel zu verhandeln, so bilden sie dennoch auch ein assoziatives Motiv in einer Gegenüberstellung von Vergangenheit und Gegenwart, dem stets auch etwas Rätselhaftes eigen ist. Doch neben diesen Aspekten, stehen seine Bilder auch in dem Spannungsfeld zwischen einer Selbstbehauptung der Malerei, als eine für sich stehende abstrakte Realität und der vielfältigen Bezugsmöglichkeiten für den Betrachter. Die Reduktion der Palette erscheint auf den ersten Blick radikal, erfolgte jedoch innerhalb seines Werkes in einer stetigen Entwicklung. Es ist ein formaler Anspruch an sich selbst, so der Künstler mit einer einzigen Farbe und ihren Nuancen einen tiefenräumlichen Eindruck darzustellen. Der Fokus ist nicht das Abbildhafte, Illustrative. Weit mehr steht die Setzung der Farben im Vordergrund. Trotz dem aus der Realität entnommen Motiv, entwickelt Richard Jurtitsch auf der Leinwand eine eigene Welt, die versucht die formalen Möglichkeiten des Mediums auszuloten, die den Betrachter zuweilen tief in den Bildraum hineinführen. Die Farben werden von lasierend bis zu opak eingesetzt, doch nie dominert ein schweres Farbimpasto. Vielmehr diffundieren die übereinander gelegten Schichten ineinander und ergeben neue Farbnuancen, die sich aus den Interferenzen der Überlagerungen entwickeln. Die Frage nach Zeit und Bewegung ist seinen Bildern durch das Übereinander-schichten der einzelnen Farbstrukturen immanent. Es ist ein langsam schwingender Rhythmus der die Bilder von Richard Jurtitsch prägt in ein gelungenes Zusammenspiel von Farbe, Form und Motiv.

Silvie Aigner