portrait Richard Jurtitsch

Metaphern für die Zukunft

„In Zeiten der Krise, der Orientierungslosigkeit, des Umbruchs sind Legenden und Heldenepen gefragt. Sie ziehen Linien vom Heute zurück ins Gestern und versuchen, durch magische Beschwörung die Vergangenheit der Zukunft dienstbar zu machen.“

Dieses Statement von Paolo Bianchi leitet einen Essay über die derzeitige Situation der Kunst ein. Während sich zahlreiche Künstler dieser postmodernen Orientierungslosigkeit dadurch hingeben, dass sie Kürzel / Artefakte aus unserer kulturhistorischen Vergangenheit ziemlich sorglos – weil nur aufs Formale reduziert – in ihre Bildsprache einbringen, ist das mythologische Forschen und Suchen von Richard Jurtitsch thematisiert. Er spürt Archetypen auf, um sie für neue subjektive Visionen von Heute / Morgen zu vernetzen.

Bis Anfang 1992 schichtete Jurtitsch in seinen Bildern verschiedene Symbolfragmente übereinander. Er entwickelte eine spezifische Ästhetik des Durchblicks auf Symbolfragmente, die dem Betrachter freien Spielraum für verschiedene Möglichkeiten zu assoziativen Ahnungen und Vorstellungen ließ. In den neuen Arbeiten reduziert Jurtitsch diese seine Symbolvielfalt – sowohl im Narrativen als auch im Formalen. die Ikonographie seiner Bilder wird jetzt vorwiegend vom Kreis und der Spirale beherrscht. Dabei beschränkt sich das malerische seiner Bilder auf den Hintergrund; das Symbol selbst steht klar und als unfragmentarisches Ganzes im Vordergrund. Solcherart werden Kreis und Spirale zu klar definierten, kultursymbolischen Metaphern. Die Spirale dient Jurtitsch als ein zeitloses Symbol für das Auseinanderstreben und doch Verbundensein – als Anbot einer Vernetzung, die dem Betrachter die Möglichkeit innerer Stabilisierung gibt.

Kreis und Spirale werden so zu Zeichen des sich immer Wiederholenden und Wiederholbaren, anwendbar im Guten wie im Schlechten. Als implizierte Hoffnung auf einen positiven Werte-Wandel, aber auch als Warnung vor einer Überbewertung von geistigem und materiellem Überfluß.

Das von ihm aus der chinesischen Mythologie geliehene und in seiner Sinnhaftigkeit abgewandelte und des öfteren verwendete Symbol des Uroboros – des sich in den Schwanz beißenden Himmeldrachens – manifestiert der geschlossenen Kreis, der aus sich heraus – der Drache beißt sich in seinen eigenen Schwanz – kein Auseinanderstreben duldet. Mit diesem Symbol, des zugleich Geborgenheit und Unheil beinhaltet, schließt sich für Jurtitsch auch der Kreis zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.

Diese neue und reduzierte Verwendung eines mythologischen Zeichens hat also bei Jurtitsch durchaus noch immer eine narrative Struktur, nur ist sie formal klarer und auch bestimmter formuliert – eine ausweichende, freie Interpretation ist kaum mehr möglich. Und dies liegt auch durchaus in der Absicht des Künstlers. In diesem Sinne läßt sich auf Jurtitsch auch ein anderer Satz von Paolo Bianchi durchaus anwenden:

„Die neuen Weltkünstler und Jetzt-Archäologen werden eine transmediale Spurensuche im Global Village von heute entwickeln, indem sie als Jetzt-Forscher und -Erfinder unsere Zeit und Zivilisation ruhelos wie Nomaden durchwandern. Dabei stochern sie in Erinnerungen und heben Schätze vom Grund des Vergessens. Mit Blick zurück stürzen sie vorwärts. Das meint keine nostalgische Rückwärts-Gewandtheit, sondern im Gegenteil eine vorausblickende Rücksicht-Nahme auf Bestehendes, Vergangenes und Künftiges.“

Manfred M. Lang