portrait Richard Jurtitsch

Malerei als Modell individueller Seherfahrung und Deutung

Die Kalender, die IBM in repräsentativer Aufmachung seit Jahren regelmäßig herausgibt, gelten österreichischen Künstlern, die meist der jüngeren oder mittleren Generation angehören, Viele dieser, einem breiten Publikum noch wenig bekannten Maler, Zeichner, Graphiker oder Plastiker sind ausgesprochene Einzelgänger, ihrem Stil, ihrer künstlerischen Ausdrucksweise nach Individualisten und ohne Bindung an Gruppen oder programmatische Galerien.

Was IBM mit der Herausgabe der Kalender beweist, ist das Faktum einer pluralistischen künstlerischen Situation in unserem Land, die neben ihren Stars und Altmeistern, neben Avantgardisten und Traditionalisten auch ein breites, hochinteressantes Mittelfeld künstlerischer Begabungen kennt.

Für dieses im Verhältnis zur Ausdehnung und Einwohneranzahl Österreichs fast übergroßes Potential fehlt es allerdings oft an entsprechenden Auffangbecken, an engagierten privaten Sammlern und Galerien, an Museen und vergleichbaren öffentlichen Einrichtungen, die als selektive Multiplikatoren dazu beitragen könnten, das Selbstverständnis für die Kunst unserer Zeit entscheidend zu vergrößern und vor allem dort ein Mehr an Verständnis und Mitgehbereitschaft zu erreichen, wo die Dinge noch in Fluss sind und daher in besonderer Weise Interesse am Experiment und grundlegende Offenheit erfordern.

Visuelle Anstöße, sich dem Abenteuer Kunst zu stellen und kontinuierlich die eigenen Sehgewohnheiten und damit auch Bewusstsein und persönlichen Kunstbegriff zu erweitern, vermitteln die inzwischen auch als Sammelobjekte begehrten Kunstkalender von IBM. Die jüngste, für 1995 vorbereitete Edition gilt dem in Wien lebenden Maler Richard Jurtitsch. Die Gemälde von Richard Jurtitsch sind in mehrfacher Hinsicht komplex, ihrem Konzept und ihrer Struktur nach vielschichtig und durch jene leise, erzählende Mehrdeutigkeit gekennzeichnet, die die Befassung mit ihnen immer wieder als anregend und aufschlussreich erweist. Die von den Werken ausgehende Ambivalenz von Sinnlichkeit und Intellektualität basiert auf geschultem bildnerischen Umsetzungsvermögen und einer Gelassenheit, an der die Postmoderne nicht ohne Spuren vorüberging.

Die Ölgemälde von Richard Jurtitsch entspringen dem Aufwind der jungen Malerei der achtziger Jahre und ihren überwiegend neoexpressionistischen Tendenzen. sie nehmen heute eine sehr persönliche, einzelgängerische Position ein, die die Malerei als Vorgang und das Bild als solches in den Mittelpunkt künstlerischer Auseinandersetzung und Erfahrung stellt. Bei aller Differenziertheit von Bildstruktur, Textur und der ausbalancierten Verwendung serieller Emblematik geht es Richard Jurtitsch um formale Harmonie, die deutlich macht, dass selbst ein Höchstmaß an bildimmanenter Übereinstimmung kleinere Abweichungen von der Regel als anregenden disharmonischen Störfaktor benötigt.

Der 1953 in Wien geborene, 1987, zu Beginn seiner Karriere, gleich mit zwei Preisen Ausgezeichnete, ist ein Poet der Malerei – ein verhaltener, sensibler Künstler der Zitat und Ironie liebt und mit jener oftmals seriell angewandten Symbolik verbindet, die zu den hervorstechenden Eigenheiten der in höchst unterschiedlichen Formaten gehaltenen Ölbildern zählt.

Sechs dieser 1992 beziehungsweise 1994 entstandenen Arbeiten wurden für den vorliegenden Kalender ausgewählt: es sind Gemälde, die bei aller Vielfalt ihrer bildnerischen, oftmals von collageähnlichen Elementen durchsetzten Struktur und Ikonographie jene Geschlossenheit und Logik widerspiegeln, die dem Betrachter die Chance zu der oben erwähnten differenzierten Anteilnahme gibt, dank der die Beschäftigung mit Kunst zu einer universellen und in einem höheren Maß auch vergnüglichen Konfrontation wird.

Peter Baum