portrait Richard Jurtitsch

Die Metapher benötigt eine lange Zeit

„Wenn wir die zeitgenössische Situation anschauen, dann müssen wir doch ehrlich Bilanz ziehen und fragen, wo wir stehen. Ist nicht alles Neo-Neo, was gemacht wird? Nehmen wir z.B. einmal die 80er Jahre, also weg von der Konzeptkunst hin zum Neoexpressionismus, dann Neogeo, dann Neopop, jetzt sind wir beim Neodada und Neokonzeptkunst. Wir können doch nicht immer auf unserem geliebten, verdammten, vor allem aber heute ausgelaugten 20. Jahrhundert herumreiten. Es geht ja auch zu Ende, warum sollte man nicht einen weiteren Blick über mehrere Jahrhunderte werfen? Ich meine, dass die Moderne um 1500 anfängt. Und da gibt es die tiefsten Zweifler und Dissidenten, die ganze Welten in Frage stellten und liquidierten.“

Eduard Beaucamp in „Texte zur Kunst“, 1992

Richard Jurtitsch ist zwar kein Zweifler und Dissident. Er stellt zwar die Welt nicht in Frage, aber er stellt Fragen an die Gegenwart, indem er der Vergangenheit Fragen stellt. Und diese Fragen enden nicht bei 1500 n. Chr.

Jurtitsch hat keinerlei Berührungsängste, in seinen Bildern ikonographische Kürzel, Themen, Symbolfragmente einfließen zu lassen. Seine Bilder wirken wie Decollagen gesammelten Kulturguts. Sie lassen zwar Einblicke zu, verwehren aber Durchblicke. Neben sinngebenden Metaphern steht scheinbar unzusammenhängend Vordergründiges. Alles ist möglich – nichts ist klar.

Das Vielschichtige ist die Botschaft. Ihre Ästhetik lässt dem Betrachter nur Ahnungen von möglichen Geschichten. Selbst Texte vermitteln mehr Verwirrung als Klarheit.

Schauen ist Voraussetzung – Mitdenken eine Notwendigkeit. So vielschichtig die Bildinhalte sind, so eindeutig ist der malerische Duktus von Richard Jurtitsch. Er verbindet die sich scheinbar oft widersprechenden Metaphern zur gesamtkunstwerklichen Einheit.

Und war noch vor wenigen Jahren die Ikonographie in Jurtitsch’ Bildern vorherrschend, so ist jetzt sein malerischer Wille bestimmend. Dadurch verlieren seine langsam gemalten Bilder zwar ihre kürzelhafte Vordergründigkeit, gewinnen aber an konzentrierter Ausdruckskraft. Und das ist gut so.

Manfred M. Lang