portrait Richard Jurtitsch

Die Faszination des ewig Alltäglichen

Anmerkungen zu den neuen Arbeiten von Richard Jurtitsch

Wer die älteren Arbeiten von Richard Jurtitsch kennt, und sich im Laufe der Jahre an die explosionsartige Vielfalt seiner Formen und Farben gewöhnt hat, der wird den neueren Arbeiten des Jahres 1993 vielleicht mit einer gewissen Skepsis, auf jeden Fall jedoch mit großer Verblüffung gegenüberstehen. Statt dem Vertrauten, ausufernden Konglomerat vegetativer – floraler Elemente, verwirrender Schriftzüge, moluskenartiger Farbkleckse und schemenartiger Figuren erblickt man nun eine strenge, meist zentrale Komposition, deren wichtigstes Element eine spiralartige Kreisform bildet. Diese Geschlossenheit der zentralen Komposition und Reduzierung auf eine Kernaussage ist das Ergebnis eines bewussten Gestaltungsversuches. Gegenüber den offenen Strukturen früherer Jahre und der springflutähnlichen Fülle an Assoziationsmöglichkeiten, einem Überangebot vergleichbar, erhält der Betrachter nunmehr die Möglichkeit der Konzentration auf eine klare Bildidee.

Während es in der Bildaussage also zu einer Radikalisierung kam, hat sich im mehrschichtigen Arbeitsprozess, der die Bildentstehung prägt, wenig verändert. Noch immer versteht Jurtitsch die unteren Schichten als Spielfeld, als eine Möglichkeit, Formen spielerisch und frei zu entwickeln. Abstraktionselemente gestischer, lyrischer, aber auch figurativer Art werden zugelassen in dieser Phase der „Entdeckungen“. Nun geschehen bewusste Eingriffe, die sich in Aussparungen, Übermalungen, Hervorhebungen und Umspielungen äußern. Flächendeckende Ornamentik, einem Teppich gleich, bildet die Grundlage zu scherenschnittartigen, linearen Bildelementen. Bei gleichzeitigen spannungsreichen Bildaufbau durch kontrastierenden Farben und Formen sind die großformatigen, zumeist zweiteiligen Arbeiten durch ein starkes Streben nach Harmonie und Ausgeglichenheit geprägt. Die Reduktion zugunsten einer Kernaussage zieht eine klare, sich erweiternde Vertiefung nach sich und steht der Redundanz unüberschaubarer, wilder, freier Assoziationsfetzen früherer Arbeiten konträr gegenüber.

Jurtitsch schafft Klarheit. Er reduziert, trennt, kombiniert. Eigentlich verwirklicht er in seinen Arbeiten das Prinzip der Collage. So hinterfragt und sprengt er festgelegte Normen, wenn er traditionelle Symbole und überlieferte Zeichen benutzt, um diese durch experimentelles Kombinieren und Einbinden in einen neuen Zusammenhang zu stellen. Das einzelne, von Jurtitsch ausgewählte und benutzte, symbolartige gilt als Element der Verknüpfung und als Ausdruck seiner Zeitlichkeit. Fundstücke, manifestierte Fragmente menschlicher Tätigkeiten sind authentische Zeitzeugen vergangener Tage. In ihrer Originalität faszinieren sie durch ihre Aura des Unbenennbaren, sie bilden eine unaussprechliche Verbindung zu Vergangenem. Jurtitsch benutzt und zitiert hierbei sowohl architektonische Formen (Grundrisse, Ansichten von römischen Villen), dekorative Ornamente( Mosaikfußböden, spätantike Wandmalerei, Textilien), als auch tradierte Bräuche (Der Lindhorster Tanz, Sprichwörter).

In seinen Collagen wird die unbedingte Achtung und die Distanz vor dem originalen Fundstück überaus deutlich. Der Künstler nimmt hierbei einen Stahlstich des 19. Jahrhunderts als Grundlage zur späteren Überarbeitung. Dieses Kunstwerk eines anderen Künstlers einer anderen Zeit, ein historisches Fragment also, wird mit einer transparenten Reprofolie bedeckt. Nun erst erfolgt auf dieser Folie der künstlerische, behutsame Eingriff. Während das Original unangetastet bestehen bleibt, wird durch Hervorhebungen und Verfremdungen dennoch die ursprüngliche Bildaussage verändert.

Immer wieder begegnen uns in den neueren Arbeiten von Richard Jurtitsch spiralartige Formen in unterschiedlicher Ausprägung. Die Form des Sonnenrades, des laufenden Hundes, des Drachen, der sich in den eigenen Schwanz beißt; all diese Formen symbolisieren Kreisläufe, funktionierende, in sich geschlossene Systeme. Sie dienen auch als Sinnbild für das unaufhörliche Fließen von Zeit und Raum, und entsprechen einander, wie Lama Govinda einst schrieb, dem Innen und Außen derselben Sache; Raum ist die nach außen verlegte, nach außen projizierte, objektivierte Zeit; und Zeit ist der verinnerlichte, subjektive Raum. Der zeitliche Ablauf von zumeist nennenswerten Ereignissen in einem als Ort benannten, bestimmten Raum und deren chronologische Aufzeichnung wird als Geschichte bezeichnet. Das nicht Nennenswerte hingegen geschieht einfach. Richard Jurtitsch dokumentiert in seinen gemalten Fundstücken die historische Faszination des ewig Alltäglichen, thematisiert die Wiederkehr des endlichen Menschen im unendlichen Kreislauf von Zeit und Raum und bietet dem Betrachter die Möglichkeit, das Wesen und die Grenzen geschichtlichen Erkennens und der eigenen Stellung hierin zu reflektieren.

Harald Krämer