portrait Richard Jurtitsch

Darwinprinzip

Kunst ist ein Medium der Kommunikation, das die Zeit überdauert und nachhaltig über Generationen wirkt, wobei jeder Künstler individuelle Codes entwickelt. Das Risiko, nicht verstanden zu werden, zwingt ihn allerdings, seine persönliche Emblematik mit konventionellen Formen der ästhetischen Kommunikation abzustimmen. Das Wagnis, neue Symbol- und Stilformen zu schaffen, „muss jedoch immer wieder erfolgen, um auch die kulturelle Evolution des Sehens über ‚Mutation’ zu erweitern. Diese wird sich, wie jedes andere Phänomen, an der kulturellen Selektion zu bewähren haben.“

In Richard Jurtitsch’ Bild wird dies auf zweierlei Weise evident. Zum einen nämlich insofern als der hier dargestellte moderne und transparente Innenraum die Sicht freigibt auf die Fassade des gegenüberliegenden Hauses, das – wie anhand der Stuckelemente deutlich wird – aus einer anderen baugeschichtlichen, vermutlich klassizistischen Ära stammen dürfte. Auf der zweidimensionalen Bildfläche scheinen daher nicht nur Innen- und Außenraum miteinander zu verschmelzen, sondern auch die verschiedenen Baustile. Diese für die Kunst so unerlässliche Stilentwicklung führt uns Jurtitsch aber noch auf einer zweiten Ebene vor Augen, und zwar in Form einer imaginären Ausstellung, die in dem galerieartigen Innenraum drei als Inkunabeln ihrer jeweiligen Epoche geltende Meisterwerke der Kunstgeschichte vereint: Tizians „Ländliches Konzert“ (1511), Ingres’ „Badende“ (1808) und Duchamps „Akt, eine Treppe herabsteigend“ (1912), die im ästhetischen Sinn die oben angesprochene „Evolution des Sehens“ exemplarisch veranschaulichen.

Der als „Darwinprinzip“ betitelte Siebdruck, bei dem der Künstler eine Illustration aus der „British Entomology“ mit bekannten Firmenlogos bzw. Markennamen kombiniert hat, verweist darauf, dass Darwins Begriff der Evolution als Welterklärungsmodell auch in der Wirtschaft Niederschlag fand: Der Markt oder – in der Diktion des österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter – der „schöpferische Unternehmer“ weckt Bedürfnisse, erzeugt Innovationen und treibt damit Wirtschaftswachstum und sozialen Wandel voran.

Alexandra Schantl